Das Beitragsbild zeigt Ernst Ludwig Kirchners „Ecke Uhlandstraße Berlin" von 1915 — eine Ansicht genau jener Kreuzung, an der sich heute unser Notariat befindet. Das Bild hängt im Brücke-Museum in Dahlem.
Ein Feuilleton über einen Arbeitsweg, eine Straßenecke und 140 Jahre Stadtgeschichte
Wenn ich morgens mit dem Fahrrad durch Berlin zur Arbeit fahre, lange Strecken durch Wald und an Kanälen entlang, bemerke ich den Übergang in die Stadt an einer bestimmten Schwelle: Dort, wo die Bäume aufhören, Privatbäume zu sein, und anfangen, in Reihen zu stehen. Wo der Asphalt andere Geräusche macht. Wo das Licht enger wird. Die letzten zwei Kilometer meines Arbeitswegs führen durch Straßen, und dann bin ich am Kurfürstendamm.
Unser Notariat liegt an der Ecke Kurfürstendamm und Uhlandstraße. Im vierten Obergeschoss, knapp über den Platanen, beurkunde ich Kaufverträge über Eigentumswohnungen in Charlottenburg oder Mehrfamilienhäuser in Mitte und Grundschuldbestellungen für Banken. Wer bei uns zur Beurkundung kommt, sitzt in einem Raum, dessen Fensterfront halbrund um die Gebäudeecke verläuft — bodentief, deckenhoch — und der Blick fällt schräg hinüber auf das Maison de France und geradeaus auf den Boulevard.
Es ist eine gute Ecke. Aber warum eigentlich? Und warum gibt es am Kurfürstendamm so auffällig viele Notare?
Vom Knüppeldamm zum Boulevard
Die Antwort beginnt 1542. In jenem Jahr ließ Kurfürst Joachim II. einen Dammweg durch den märkischen Sand schlagen, vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald. Ein Knüppeldamm, nicht mehr. Der älteste kartographische Beleg stammt aus dem Plan géométral des Ingenieurs La Vigne von 1685, und erst auf einer Karte von Friedrich Wilhelm Carl von Schmettau, aufgenommen zwischen 1767 und 1787, taucht erstmals der Name „Churfürsten Damm" auf.
Dreihundert Jahre lang blieb der Weg ein Weg. Er führte durch Felder, durch Wald, durch nichts.
Dann kam Bismarck.
Otto von Bismarck kehrte 1871 aus Paris zurück, berauscht vom Sieg und beeindruckt von den Champs-Élysées. Am 5. Februar 1873 schrieb er an den Geheimen Kabinettsrat Gustav von Wilmowski und skizzierte eine Idee: Berlin brauche einen Boulevard, der vom städtischen Zentrum in einen grünen Wald führe. Eine Prachtstraße. Die Stadtplaner schlugen 25 Meter Breite vor. Bismarck intervenierte. Per Kabinettsorder vom 2. Juni 1875 wurde die Straßenbreite auf 53 Meter festgelegt. Bismarck dachte in Pariser Dimensionen.
Was folgte, war ein Geschäft, das Berliner Geschichte schrieb. Die Finanzierung des Ausbaus gestaltete sich schwierig — mehrere Anläufe scheiterten. Schließlich handelte der Baumschulenbesitzer John Booth als Vertrauensmann eines Bankenkonsortiums unter Führung der Deutschen Bank ein Kompensationsgeschäft aus: Gegen die Verpflichtung zum Straßenausbau erhielt die neu gegründete „Kurfürstendamm-Gesellschaft" ein Vorkaufsrecht auf 234 Hektar Grunewaldgelände zur Anlage einer Villenkolonie. Der Boulevard sollte nicht im Wald enden, sondern in einer Siedlung für Millionäre.
Die Kolonie Grunewald — Ergebnis dieses Koppelgeschäfts, gegen den Widerstand des Berliner Magistrats und der Forstverwaltung von Bismarck persönlich durchgesetzt — wurde zu einer der vornehmsten Adressen Europas. Bis 1897 standen dort bereits 205 Villen. Jüdische und nichtjüdische Familien lebten Tür an Tür; Historiker sprechen von einer der wenigen tatsächlichen deutsch-jüdischen Symbiosen.
Am 5. Mai 1886, dem Tag, an dem die erste Dampfstraßenbahn vom Bahnhof Zoo über den Kurfürstendamm nach Halensee fuhr, war der Boulevard geboren. In den folgenden Jahren wurde er mit pompösen, hochherrschaftlichen Mietshäusern bebaut. Die Gründerzeit-Fassaden, die man heute noch an einzelnen Gebäuden erkennt, stammen aus dieser Epoche.
Café Größenwahn und das Romanische Café
Was Bismarck als Prachtstraße für das Bürgertum gedacht hatte, wurde innerhalb einer Generation etwas anderes: ein Ort der Kultur, der Provokation, der Bohème.
Bereits 1893 eröffnete am Kurfürstendamm 18/19 das „Café des Westens" — zunächst als „Kleines Café", bald aber weithin bekannt unter seinem Spitznamen: „Café Größenwahn". Hier trafen sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die Expressionisten. Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Erich Mühsam, Frank Wedekind — wer in der Berliner Avantgarde einen Namen hatte oder einen suchte, saß hier.
Nach der Schließung des Café des Westens 1915 verlagerte sich die Szene wenige hundert Meter nach Osten, ins Romanische Café, direkt gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dort wo heute das Europa-Center steht. In den Goldenen Zwanzigern wurde dieses Café zum Herz des intellektuellen Berlin. Man unterschied zwischen dem „Schwimmerbassin" — für Künstler, die bereits einen Namen hatten, Max Liebermann, Alfred Kerr — und dem „Nichtschwimmerbassin" für die, die noch keinen hatten. Bertolt Brecht kam, Erich Kästner, Gottfried Benn, Billy Wilder. Kurt Tucholsky schrieb für das Nelson-Theater am Kurfürstendamm, das 1920 eröffnet hatte und dessen Revuen Josephine Baker nach Berlin holten. Max Reinhardt inszenierte an der Komödie am Kurfürstendamm.
Kinos wie das Marmorhaus, in dem 1920 Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari" uraufgeführt wurde, reihten sich an Kabaretts und Varietés. Christopher Isherwood, der junge Engländer, der später die literarische Vorlage für „Cabaret" liefern sollte, beobachtete das Berliner Nachtleben dieser Jahre mit der Faszination des Fremden.
September 1931
Der Kurfürstendamm war in der Weimarer Republik auch deshalb ein besonderer Ort, weil ein Viertel seiner Bewohner jüdischer Herkunft war. Das war kein Zufall, sondern Ausdruck einer Nachbarschaft, die in Grunewald und Charlottenburg über Jahrzehnte gewachsen war. Und es war der Grund, weshalb die SA sich gerade diesen Boulevard aussuchte.
Am Abend des 12. September 1931, dem Abend des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schana, marschierten 500 bis 1000 SA-Männer aus 18 Berliner Stürmen auf dem Kurfürstendamm auf. In einem offenen Opel fuhr Wolf-Heinrich Graf Helldorff, Führer der Berliner SA, den Boulevard auf und ab. Gegen 20 Uhr begannen die Männer, Passanten zu verprügeln, die sie für jüdisch hielten. Sie stürmten das Café Reimann, warfen Marmortische durch Fensterscheiben, gaben Schüsse ab. Sie überfielen Besucher der Synagoge in der Fasanenstraße. Polizei war kaum zugegen.
Der Prozess vor dem Schnellschöffengericht in Charlottenburg fand sechs Tage später statt. Er endete mit milden Urteilen. Zwei Jahre später amnestierte das Reichsgericht alle noch anhängigen Verfahren. Die Taten blieben ungesühnt.
Heute erinnert der Audiowalk kudamm'31, ein Projekt des Public-History-Masterstudiengangs der Freien Universität Berlin, an dieses fast vergessene Pogrom. Wer aufmerksam durch die Gegend geht, kann die Geschichte hören.
Ruinen und Straßencafés
Am 23. November 1943 brannten die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der Gloria-Palast und das Romanische Café aus. Am Tag danach stürzte ein amerikanisches Kampfflugzeug in den Lichthof des KaDeWe. Am 23. März 1945 wurde der Kurfürstendamm als Startbahn für Kampfflugzeuge vorgesehen. Als die Rote Armee Ende April 1945 die Halenseebrücke erreichte, standen von 235 Häusern am Kurfürstendamm noch 43.
Und doch, schon am 1. Juni 1945, keine vier Wochen nach der Kapitulation, präsentierte das Kabarett der Komiker im Café Leon am Kurfürstendamm 156 ein Notprogramm. Die Stachelschweine begannen im Burgkeller am Kurfürstendamm 25 zu spielen. In den Ruinen wurden Restaurants eröffnet, vor den Ruinen Straßencafés. Der Boulevard war zerstört, aber er hörte nicht auf, Boulevard zu sein.
In den Jahrzehnten der Teilung wurde der Kurfürstendamm zum Schaufenster des Westens. Während Unter den Linden im Osten lag, wurde der Ku'damm zur ersten Adresse West-Berlins — für Geschäfte, für Kanzleien, für Notariate. Der Boulevard blieb, was er seit der Kaiserzeit gewesen war: die Berliner Adresse, an der Seriosität und Urbanität zusammentrafen.
Warum Notare am Kurfürstendamm
Hier schließt sich der Kreis. Der Kurfürstendamm war seit dem späten 19. Jahrhundert die Adresse, an der Berlin sein Bürgertum versammelte — und mit ihm seine Geschäfte. Immobilienhandel, Finanzierung, Vermögensanlage: Wo wohlhabende Bürger wohnten, wo Banken ihre Filialen eröffneten und Makler ihre Büros bezogen, dort brauchte man Notare. Wer am Kurfürstendamm eine Wohnung kaufte oder ein Grundstück an der Uhlandstraße erwarb, ging zum Notar um die Ecke.
Diese Logik hat sich erhalten. Der Kurfürstendamm und seine Seitenstraßen in Charlottenburg gehören zu den begehrtesten Wohnlagen Berlins. Eigentumswohnungen werden gehandelt, Kaufverträge über Wohnhäuser geschlossen. Dass sich entlang des Boulevards zahlreiche Notariate angesiedelt haben, folgt keiner Laune — es folgt dem Immobilienmarkt. Wo Immobilien ihren Besitzer wechseln, braucht man Notare. Und rund um den Kurfürstendamm arbeiten sehr viele von denen, die im Immobiliengeschäft tätig sind: Makler, Finanzierer, Bauträger, Projektentwickler. Meine Kolleginnen und Kollegen sind dort, wo ihre Mandanten sind.
Es hilft, dass die Ecke erreichbar ist. Die U-Bahn-Station Uhlandstraße liegt vor unserer Tür. Die Lage ist für Mandanten aus ganz Berlin gut angebunden — und für Mandanten, die aus dem Ausland kommen und eine Immobilie in Berlin kaufen möchten, ist der Kurfürstendamm ein Name, den sie kennen.
Die Ecke Uhlandstraße, heute
Ernst Ludwig Kirchner hat unsere Ecke 1915 gemalt — das Beitragsbild dieses Artikels. In der nervösen Strichführung des Expressionismus hielt er die Kreuzung Kurfürstendamm und Uhlandstraße fest: Passanten, Kutschen, die Gründerzeit-Fassaden des Boulevards. Kirchner kehrte immer wieder hierher zurück, getrieben von dem, was er selbst als qualvolle Unruhe beschrieb, tagsüber und nachts in die langen Straßen voller Menschen. Von dem, was er sah, steht wenig noch.
Das Gebäude, in dem unser Notariat liegt, wurde 1994 gebaut — als Showroom, ein markantes Eckhaus aus Glas. Jahrelang war es das BMW Haus am Kurfürstendamm. Seit 2021 betreibt die Spielbank Berlin in den unteren Etagen ein Casino. Wir sitzen darüber.
Schräg gegenüber steht das Maison de France, das französische Kulturzentrum mit dem Cinéma Paris, das seit 1950 an dieser Ecke seinen Platz hat. Wim Wenders hat es 1987 in „Der Himmel über Berlin" verewigt — in jener Szene, in der die Engel Damiel und Cassiel in einem Cabrio im damaligen Showroom gegenüber sitzen und darüber sprechen, wie es wäre, ein Mensch zu sein. Wer den Film kennt, erkennt die Ecke.
Ein paar Schritte die Uhlandstraße hinunter, auf der 173, liegt die Berliner Kaffeerösterei — im alten Uhlandschloss, einem Gründerzeitbau, in dem seit 2001 über achtzig Kaffeesorten geröstet werden. Wenn das Wetter schön ist, nehme ich mittags Mandanten oder Kollegen mit dorthin. Gegenüber von unserem Haus, auf dem Kurfürstendamm 32, teilen sich die Pralinenmanufaktur Sawade — gegründet 1880 Unter den Linden, die älteste Berlins — und die Königliche Porzellan-Manufaktur einen denkmalgeschützten Laden aus den Fünfzigerjahren. Einige unserer Makler schauen dort vor oder nach Beurkundungen vorbei.
Und dann ist da, in Sichtweite aus unserem Fenster, die Baustelle des „Fürst". Auf dem Gelände des alten Kudamm-Karrees, das die Architektin Sigrid Kressmann-Zschach zwischen 1969 und 1974 entworfen hatte, entsteht ein neues Quartier: 100.000 Quadratmeter, ein 23-geschossiger Turm von Kleihues + Kleihues, der millimetergenau angehoben wurde, um das darunterliegende Treppenhaus zu entfernen. Büros, Wohnungen, ein Theater. Die Komödie am Kurfürstendamm kehrt zurück. Der Turm, der jahrelang hinter einem Vorbau versteckt war, wird sichtbar. Etwa die Hälfte der Arbeiten ist abgeschlossen.
Am Kurfürstendamm wird gebaut. Das war schon 1886 so, als die Dampfstraßenbahn zum ersten Mal fuhr, und es war 1945 so, als in den Ruinen die ersten Cafés wieder öffneten. Dass sich daran etwas ändert, ist nicht zu erwarten.
Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad hierher, durch Wald und am Wasser entlang, und wenn das Wetter es erlaubt, das ganze Jahr. Wir haben uns an diese Ecke gewöhnt. Der Beurkundungsraum hat ein Fenster, das alles zeigt — den Boulevard, die Platanen, das Maison de France, die Kräne des Fürst. Es gibt schlechtere Aussichten für einen Kaufvertrag.
Tobias Scheidacker
Notar in Berlin

